Ire ins neue Jahr trippen: Castle Cloughboley
Wenn Der Schmut – Manfred Marc Umfahrer – wie einst die alten Piratenkapitäne eine Truppe zusammenstellt und sich bei dir meldet, dann gilt es nicht lange zu zaudern – und anzuheuern. Abenteuer-Garantie: 100 %. Und so kam es auch. Zu viert stiegen wir am 30. Dezember 2026 in Wien in den Flieger nach Irland, mit dem Missionsziel, in einem Burgschloss nahe der Küste das Neujahr zu rocken.
Schon bald nach der Landung, im verkehrtherum gesteuerten Auto sitzend, wurde uns klar, dass wir uns in einem Land befinden, das jeden Party-Furor landschaftlich zu besänftigen weiß. Verklärte, hochgesättigte Panoramen, alles leicht verträumt und reich an Regenbögen. Und das im Winter, während auf dem Kontinent Nebel und Kälte herrschen. Ein beneidenswertes Klima.
In der Burg selbst – Castle Cloughboley – wurden wir von der dort hausenden, sehr coolen Familiencrew in einem 70er-Jahre- Stil eingerichteten „Thronsaal“ auf das Allernettigste und kulinarisch höchst ergiebig begrüßt. Wie nicht anders zu erwarten, endete die erste Nacht desaströs: als wahnwitzige Irland-Rally von Pub zu Pub. Als gestandener Matrose konnte es sich unser Teamleader Schmuty Schmut natürlich nicht verkneifen, sämtliche irischen Bären, die er an der Theke ausfindig machen konnte, zum Armdrück-Battle herauszufordern. Er schlug sich passabel!
Was sich dort ferner an Verrücktem zugetragen hat, soll jedoch nicht Gegenstand dieses Blogposts sein. Wie es sich für einen Musik-Blog gehört, wird der Fokus auf den Sounds Irlands liegen – den geographischen und den instrumentalen, theoretisch und in Analogien beschrieben.



Raghley Blowhole – eine Küste stößt ins Horn
Nicht weit von unserem hübschen Domizil entfernt liegt das Raghley Blowhole – ein unscheinbares Loch im Boden, das sich bei näherer Betrachtung als eine Art Küstenhorn entpuppte. Wir haben es gleich zweimal inspiziert, zum Einen, um den speziellen Bass des Blowholes zu catchen, zum Anderen, um die Anzahl der Schafe, die stoisch um den begrasten Schlund herumstanden, zu kontrollieren.
Ein Blowhole entsteht, wenn unter einer Felsplatte ein Hohlraum liegt, der mit dem Meer verbunden ist. Wenn die Wellen in diesen Hohlraum schlagen, wird Luft komprimiert und durch das Loch nach oben gepresst. Das Ergebnis ist ein Ton, der wie ein Naturhorn klingt: grollend, manchmal pfeifend, und für die Anwohner mitunter sogar ein wenig alarmierend. Kein Wunder – der Klang von Blowholes tritt oft dann auf, wenn das Meer unruhig wird und Stürme oder schweres Wetter im Anmarsch sind.
Als Saiteninstrumentalist habe ich im Klang selbstverständlich kein Horn ausgemacht, sondern eher ein Bordun – das ist eine Art Grundton, wie man ihn z.B. von der indischen Sitar kennt. Dieses Grundschwingen, das einfach da ist, ohne sich zu bewegen, hat etwas zutiefst Archaisches. Es trägt die Melodie, hält sie wie ein Fundament aus Luft und Stein. Vielleicht ist es genau dieser unbeirrbare Basston, der irische Musik so erdig macht – und frei.



Cullenamore Beach – wo der Strand dunkle Lieder anstimmt
Einige Tage später verschlug es uns – auf der Suche nach leckerem Seafood – in das nette Surferstädtchen Strandhill. Als wir die Promenade entlangspazierten, erlebten wir ein weiteres seltsames Soundphänomen. Kein wirkliches Rauschen und auch kein Donnern – eher, als würde ein Kärntner Männerchor zum vokalen Aufwärmen ein tiefes und sich wiederholendes Crescendo–Decrescendo anstimmen.
Physikalisch lässt sich der Effekt wie folgt erklären: „Klingender Sand“ entsteht, wenn Millionen nahezu gleichförmiger Sandkörner gleichzeitig in Bewegung geraten. Entscheidend sind drei Faktoren:
- Körnung: Die Sandkörner müssen sehr gleichmäßig und rund sein.
- Trockenheit: Nur trockener Sand kann frei schwingen.
- Synchronität: Die Körner müssen sich in großer Zahl gleichzeitig bewegen.
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, entsteht ein kollektives Resonanzverhalten. Je nach Art der Bewegung unterscheidet man zwei Phänomene:
- Singing Sands – hell, quietschend, fast wie ein Chor aus winzigen Stimmen
- Booming Sands – tief, grollend, wie ein natürlicher Bass
Im Norden Irlands gibt es mit White Park Bay einen Strand, der für seine „sopranen Laute“, also singing sands, berühmt ist. Unser Strand bei Sligo hingegen war eindeutig ein Fall von booming sands: ein dunkler, vibrierender Bass, welchen zu verorten und zu identifizieren gar nicht so einfach gewesen ist.

A pint of Guinness – das schwarze Metronom
Zu den schwierigeren Dingen, die es in der Musik zu vermitteln oder gar zu lehren gibt, gehört das Taktgefühl. Während dem einen solierend die Rösser durchgehen, trottet der andere den Noten wie ein schlapper Esel hinterher. Erwachsenen Schülern und Studenten sei deshalb ein ungewöhnlicher, aber wirksamer Tipp ans Herz gelegt: regelmäßig ein Guinness trinken.
Denn Guinness zwingt zur Geduld. Wer es bestellt, unterwirft sich einem kleinen Disziplinierungsverfahren. Die Schaumwirbel müssen sich setzen, müssen zur Ruhe kommen. Erst dann folgt der zweite, präzise gesetzte Schuss, der die Oberfläche glättet wie ein sauberer Schlussstrich. Ein Pint Guinness gleicht einem schwarzen Metronom, aufgestellt an den Theken und Tischen Irlands. Es bestimmt das Tempo, nicht du.
Auf unserer Reise ließen wir uns gerne disziplinieren – besonders gegen Ende, in Dublin, der ruhig pulsierenden Hauptstadt Irlands. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Menschen dort ihre Gelassenheit in den unzähligen Pubs „antrainieren“. Wer ein Guinness trinkt, lernt, im Takt zu bleiben.



Irland im Nachklang – die Tenorgitarre
Zurück in Berlin hätte die Reise eigentlich enden sollen. Aber Irland bleibt im Ohr. Kurz nach meiner Rückkehr nämlich bot mir ein neu gewonnener, kelto-affiner Schüler – liebe Grüße und Danke an dieser Stelle, Okko! – seine Tenorgitarre zum Experimentieren an. Ein äußerst seltenes Instrument, ursprünglich dazu gedacht, Banjo-Spieler über ein Übergangsinstrument zum Kauf einer Gitarre zu bewegen. Dieses „hybride“ Saiteninstrument wird in Quinten gestimmt, etwa CGDA oder – in der sogenannten „irischen Stimmung“ – GDAE.
Das nun folgende kurze Stück sei in Reminiszenz an unsere legendäre Irland-Reise „Cloghboley“ genannt. Es schlägt mehrere Schnippchen zugleich:
- Mit den Legato-Techniken und Trillern ist es eine technische Übung für motivierte Schüler.
- Vermittels der Stimmung und der permanenten Bordun-Klänge erinnert es an den Sound von Blowholes und Singing Sands, eingebettet in eine weite, offene Quinten-Landschaft.
- Es sollte neben dem melancholischen auch ein exzessives Element hörbar machen – quasi als Einsatz- und Signalmelodie, wenn der Leuchtturm brennt oder das Schiff am Felsen zerschellt. Und es wieder heißt: Austrian Coastguards, bitte kommen!
Cloghboley. Video und Tabs
Post-Credit-Scene: Zu Besuch bei den Shackletons
Eine wundersame Begebenheit sei noch erwähnt. Auf der Rückfahrt durften wir dank unserer Schmut‑Connection Jonathan Shackleton, den letzten Nachfahren des berühmten Polarforschers Ernest Shackleton, und dessen Gemahlin kennenlernen. Eine besonders schöne Zwischenepisode unseres Trips: ein Nachmittag in sympathischer, gastfreundlicher Gesellschaft, eingebettet in eine märchenhafte Kulisse – repräsentativ für das ganze Land und seine Leute.
Nur das Horn auf dem weißen Pferd hat noch gefehlt.


